EN 1090 – Chance oder Schreckensgespenst für die Südtiroler Schweißbetriebe?

Die europäische Norm EN 1090 ist bei den ca. 300 metallverarbeitenden Betrieben in Südtirol nun längst keine Unbekannte mehr. Mittels einiger Veranstaltungen haben der Handwerkerverband, sowie auch das Beratungsunternehmen IFK Consulting, versucht, den jeweiligen Unternehmern  die Anforderungen, sowie die notwendigen Schritte und Maßnahmen zu erläutern, um der EN 1090 zu entsprechen.

Der nachfolgende Artikel soll nun dazu dienen, aufgrund der bis jetzt  erworbenen Erfahrungen mit der Einführung dieser Norm in den Betrieben, noch mehr Klarheit in die Thematik zu bringen und häufig gestellte Fragen zu beantworten.

Nochmals kurz zum Einstieg,  was regelt die EN 1090 und wer ist davon betroffen? (siehe dazu auch unseren Artikel in der  Handwerker vom Juni 2012)

Ab dem 01.07.2014 sind alle Schlossereien und Stahlbaubetriebe, welche tragende Bauteile produzieren, verpflichtet eine CE-Kennzeichnung inklusive einer Konformitätserklärung abzugeben. Voraussetzung für die Ausstellung der CE-Kennzeichnung ist die erfolgreiche Zertifizierung des Unternehmens nach der EN 1090.. Jene Betriebe, die Produkte nach diesem Datum ohne CE-Kennzeichnung in Verkehr bringen, machen sich strafbar. Dies könnte unter anderem zur Folge haben, dass für die Unternehmen von Kunden unerwünschte Preisnachlässe gefordert oder erbrachte Leistungen nicht bezahlt werden bzw. der Bau nicht kollaudiert wird.

Die EN 1090 – Ausführung von Stahltragwerken und Aluminumtragwerken -besteht aus 3 Teilen:

  • EN 1090-1 – Konformitätsnachweisverfahren für tragende Bauteile
  • EN 1090-2 -Technische Regeln für die Ausführung von Stahltragwerken (auch Edelstahl)
  • EN 1090-3 -Technische Regeln für die Ausführung von Aluminiumtragwerken

Die Norm unterscheidet 4 Ausführungsklassen (engl. Execution class EXC), wobei die EXC 1 die geringsten Anforderungen an den Betrieb und das Produkt stellt und die EXC 4 die höchsten.

Häufig gestellte Fragen:

Produziere ich überhaupt tragende Teile?

Diese oft gestellte Frage ist eindeutig mit JA zu beantworten. Nahezu hundertprozent der Südtiroler Schlossereibetriebe haben in Ihrem Produktsortiment z.B. Geländer, Vordächer, Deckenelemente, Fachwerksträger, Stützen, befahrbare Gitterroste, etc., um hier nur einige Bauteile zu nennen, welche sehr wohl unter „tragende Teile“ fallen.

EXC 1 oder doch EXC 2?

Die Auswahl der richtigen Klasse ist essentiell. Hier gilt es, für den jeweiligen Betrieb seine Produktbandbreite und die Kundenanforderungen richtig einzuschätzen. Dies ist deshalb von sehr großer Bedeutung für die Betriebe, da hier entschieden wird, was diese künftig in Umlauf bringen dürfen. Hier gilt zusammenfassend ein Grundsatz: Der Schlossereibetrieb entscheidet über seine Produktpalette, jedoch der Statiker, Planer bzw. die ausschreibende öffentliche Körperschaft entscheidet über die Ausführungsklasse.

Aus folgenden Gründen macht es aus unternehmerischer Sicht keinen Sinn, sich bei der Zertifizierung auf die EXC 1 zu beschränken:

  • Der Statiker und nicht der Schlosser legen die Ausführungsklasse und somit die Anforderungen an die Herstellung fest.
  • Sollte auf den Ausführungsplänen keine Angabe der EXC angegeben sein, gilt laut EN 1090 automatisch die EXC 2.
  • Bei öffentlichen Aufträgen fällt das Bauprodukt in die Schadensfolgeklasse 2 und dies setzt die EXC 2 voraus.
  • Stahl der Güte S355 fällt in die Beanspruchungsklasse 2, d.h. wiederum EXC 2.
  • Jene Betriebe, die vorerst EXC 1 zertifizieren und dann zu einem späteren Zeitpunkt EXC 2 nachrüsten, haben durch einen doppelten Aufwand auch in Summe mit wesentlich höheren Beratungs- und Zertifizierungskosten zu rechnen.

Im Zuge der praktischen Umsetzung der EN 1090 in mehreren Betrieben wurde jedoch auch klar, dass in Südtirol einigen Tragwerksplanern die Norm nicht in dem Ausmaß bekannt ist, wie es notwendig wäre, zumal ja diese Berufsgruppe letztendlich die notwendigen Informationen und Vorgaben an die metallverarbeitenden Betriebe weitergeben, wie beispielsweise die Festlegung der Ausführungsklasse für die jeweiligen Bauprodukte.

Welcher zeitliche Aufwand ist für die Unternehmen bei der Einführung der EN 1090 zu berücksichtigen?

Die Unternehmen sind grundsätzlich handwerklich sehr gut aufgestellt und besitzen in den allermeisten Fällen die Fähigkeiten und Fertigkeiten, komplizierteste tragende Strukturen zu fertigen. Was Ihnen sehr oft jedoch fehlt, sind die Normenkenntnisse und die entsprechenden technisch erforderlichen Nachweise und Zertifikate.

Der zeitliche Aufwand für die Umsetzung der EN 1090 hängt davon ab, was im Betrieb bereits an Qualifizierungen und Zertifizierungen vorliegt. Dabei stellen sich folgende Fragen:

  • Haben die Schweißer eine gültige Prüfung?
  • Gibt es einen Sichtprüfer?
  • Gibt es eine Schweißaufsichtsperson?
  • Liegen im Betrieb Schweißverfahrensprüfungen auf.
  • Ist im  Betrieb bereits ein Qualitätsmanagement nach ISO 9001 oder ISO 3834 eingeführt?

Aus unserer Sicht ist das Erbringen der entsprechenden Nachweise und Zertifikate eine absolute Notwendigkeit, um in Zukunft auf dem Markt bestehen zu können. Je nach aktueller Ist-Situation ist in den einzelnen Betrieben daher mit einem zeitlichen Aufwand von bis zu 6 Monaten für die Umsetzung der EN 1090 zu rechnen.

Einen wesentlichen Aspekt sollte man als Unternehmer eventuell auch noch berücksichtigen. Nämlich den Umstand, dass es in Südtirol nur eine sehr begrenzte Anzahl von Beratungsunternehmen für die Einführung der EN 1090 gibt und es unmöglich erscheint, dass kurz vor Ablauf der Frist am 1. Juli 2014 alle Schlossereibetriebe noch unterstützt werden können.

Was können Unternehmen jetzt schon tun, um sich besser auf die Situation einzustellen?

Seit mehreren Monaten werden im LVH fachspezifisch notwendige Kurse zu den Themen Sichtprüfung und Schweißaufsichtsperson angeboten. Obwohl die Inhalte für die Berufsgruppe der Schlosser essentiell sind, haben bis dato nur wenige Teilnehmer davon profitieren können.

Natürlich kommt auf die metallverarbeitenden Betriebe durch das Inkrafttreten der EN 1090 einiges zu, jedoch ist es nicht nur als Mehraufwand an Kosten und Arbeit zu sehen, sondern auch als Chance den eigenen Betrieb auf den neuesten technischen Stand zu bringen, organistatorisch besser zu strukturieren, die Mitarbeiter zu qualifizieren und motivieren, um so ingesamt einen Qualitätssprung für den Betrieb zu erreichen. Dazu auch die Meinung  von Lorenz Kröss, geschäftsführender Gesellschafter der Metall Ritten: „Viele Betriebe arbeiten bereits nach Teilen der EN 1090, ohne sich dessen bewusst zu sein, deshalb ist die Einführung dieser Norm für die heimischen Betriebe auch schaffbar.“ Außerdem rät er gleich zu einer Zertifizerung in der   EXC 2, um sich nicht selbst vom Wettbewerb auszuschließen. 

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