Bild zur Stimmungslage der Südtiroler Wirtschaft, Interview SWZ Mai 2013

Diversifizierung anstatt Nullachtfünfzehn, Erneuerung anstatt Altbewährtes, und ein intensivierter Vertrieb anstatt auf Kunden zu warten – dies der Tenor in den Antworten von Josef Erlacher auf den SWZ-Fragebogen. Gedanken, die Ihre derzeitige Stimmungslage als Unternehmer beschreiben?
Aufbruch zu Neuem, Spannung und Freude, dies zu erleben. Ärger über Macht und Verhinderung von Strukturen, die in längst vergangenen Zeiten geschaffen wurden und uns nun am Erfolg hindern.

Wird sich die allgemeine wirtschaftliche Situation 2013 verbessern oder verschlechtern?
Wirtschaft ist heute komplex und dynamisch, und jene Unternehmen und deren Akteure, die es verstehen, mit diesen neuen Gegebenheiten zu arbeiten, sind auch in der heutigen Zeit erfolgreich. Eine generelle Aussage über die Wirtschaftslage ist für mich unpräzise, denn es gibt in Südtirol gute Beispiele von Unternehmen, die besonders in den letzten Jahren sehr erfolgreich gearbeitet haben und deren Perspektiven trotz Krise sehr gut sind. Macht ein Unternehmen das, was es immer schon gemacht hat, mit Methoden, die es immer schon gab, dann sind die Voraussetzungen heute so, dass solche Unternehmen einer großen Gefahr ausgesetzt sind, vom Markt zu verschwinden. Baut die Wirtschaft in Südtirol auf seine Stärken, wie Genauigkeit, Präzision, Fleiß und Loyalität, und treffen diese Stärken auf Märkte, die wachsen, dann wird unsere Wirtschaft weiterhin erfolgreich sein. Es geht darum, für diese Stärken beziehungsweise für diese Arbeitskulturen, Märkte zu finden. die bereit sind, dafür entsprechende Preise zu zahlen. Beispielsweise könnten Arbeitskräfte aus dem Bau- und Baunebengewerbe für Feinmechanik, Biomechanik und Medizintechnik eingesetzt werden.

Wie schätzen Sie die Euro-Krise ein?
Gelingt es der Politik die Finanzmärkte weltweit so zu reglementieren, dass sie in der Welt keine so dominante Rolle mehr einnehmen, wie sie es derzeit tun, so glaube ich, dass es möglich ist, die Krise zu überwinden. Sollte es die Politik nicht schaffen, wird dies die Protestbewegungen und die Polarisierung der Gesellschaft anheizen.

Wie wird sich die Euro-Krise auf die Entwicklung der Südtiroler Wirtschaft auswirken?
Südtirols Unternehmen sind nicht bekannt für ihre Eigenkapitalstärke. Das derzeitige Steuersystem und die Markteinbrüche in Südtirol-typischen Branchen lassen es auch nicht zu, Eigenkapital zu bilden. Die Banken sind nicht bereit, Investitionen großzügig zu finanzieren und somit können nur jene Unternehmen wachsen und sich entwickeln, die einen entsprechend guten Markterfolg aufweisen können. Jene Unternehmen, die der Markt nicht durch ausreichende Margen belohnt, werden schweren Zeiten entgegengehen.

Wie bewerten Sie die aktuelle Lage Ihrer Branche und Ihres Unternehmens?
Besonders für unsere Branche gilt es, neue Wege zu gehen. Bieten wir Standardleistungen an, sind wir einem enormen Preiskampf ausgesetzt, der die Löhne sinken lässt und letztendlich dem Unternehmenserfolg schadet. Getrieben durch Komplexitätssteigerung und ständig neue Anforderungen, sei es durch den Markt, den Gesetzgeber oder die Globalisierung der Märkte, ist die Nachfrage nach Beratung groß. Durch die sinkenden Budgets setzen Unternehmen jedoch genau hier oft schnell den Rotstift an. Beratung ist schwer messbar und vergleichbar, deshalb ist Vertrauen notwendig. Vertrauen ist jedoch eine Kultur, die in der heutigen Geschäftswelt nicht gelebt wird.

Was hat sich für Sie beziehungsweise Ihr Unternehmen im Jahr 2013 im Vergleich zu den vergangenen Jahren verändert?
Der Aufwand, neue Projekte zu akquirieren, hat sich verdoppelt. Die Potenzierung des Vertriebs hat uns vor Einbrüchen gerettet und hilft uns, Preisdumping widerstehen zu können.

Ist der Standort Südtirol zurzeit für Ihren Betrieb ein Vor- oder ein Nachteil?
Betrachtet man den Markt im deutschsprachigen Ausland und die dort realisierbaren Tagessätze für Beratungsleistungen, ist der Standort Südtirol ein Nachteil, da dort Tagessätze bezahlt werden, die bis zu einem Mehrfachen unserer Preise ausmachen. Betrachten wir den Markt im restlichen Italien, sind wir sicher aus mehreren Gründen in Südtirol gut aufgehoben.

Der Politik wird von vielen Seiten Stillstand vorgeworfen – auch von Wirtschaftsvertretern. Sehen Sie das auch so?
Ich würde sagen, die Welt bewegt sich schneller als die Politik. Da jedoch die Politik einen erheblichen Teil der Spielregeln für die Gesellschaft bestimmen soll, ist dies naturgemäß ein großes Dilemma. Politik ist heute getrieben von vielen Beeinflussern, angefangen von der Finanzindustrie über die verschiedensten Interessensgruppen und nicht zuletzt die Medien. Somit wird es schwer, gute Politik zu machen, ohne Klientelismus zu betreiben. Die Politik benötigt den Mut, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen, Gewohntes zu verlassen und in der Vergangenheit erworbene Rechte (wie zum Beispiel Pensionen) in Frage zu stellen, um nicht „erdrosselt“ zu werden. Noch mehr Gesetze und noch mehr einschränkende Bestimmungen werden unsere Gesellschaft nicht zum Besseren bekehren. So wie es erforderlich ist, mehr Frauen in die Wirtschaftswelt einzubinden, so erforderlich ist es, weniger Rechtsgelehrte für die Gestaltung unserer Gesellschaft einzusetzen. Das Parlament und weitere politische Gremien bestehen zum Großteil aus Rechtswissenschaftlern – das führt uns nur schwerlich zu neuen Ufern oder auf neue Berge.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, bestehende gesetzliche Bestimmungen zu verändern, um Ihre Tätigkeit als Unternehmer zu erleichtern, was würden Sie tun?
Ich würde ein Ministerium oder eine Landesabteilung einrichten, die sinnlose und nicht mehr hilfreiche Gesetze verschrottet. Es gibt viele Menschen, die täglich neue Gesetze und Bestimmungen erdenken, jedoch keine Institutionen, die Altes entsorgen.

Im Herbst finden Landtagswahlen statt. Erwarten Sie sich Änderungen des politischen Kräfteverhältnisses?
Ja, ich hoffe stark, dass neue junge Kräfte das Ruder in die Hand nehmen und auch wenn sie aus Unerfahrenheit Fehler machen werden, so sind mir Fehler lieber als Stillstand. Denn aus Fehlern gibt es die Chance, etwas Neues zu lernen.

Bereits jetzt steht fest, dass in die nächste Landesregierung einige neue Gesichter einziehen werden. Welche Impulse beziehungsweise Schritte erwarten Sie sich von der neuen Landesregierung?
Mut für Erneuerung, die nicht an kleinen Schritten fühlbar ist, sondern neue Wege geht und auch manchen Interessensvertretern das Festhalten am Status Quo untersagt, um so alternativen Ideen einen Raum zu bieten.

Weniger Steuern, aber auch weniger Beiträge – wären Sie damit einverstanden?
Dies ist eine Formel, die gerne propagiert wird und die konsequenterweise gleichzeitig den Abbau von vielen Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst bedeuten würde. Wirtschaftspolitische Maßnahmen sind durchaus sinnvoll und können zu positiven Entwicklungen führen. Ich würde aber nicht nur den Kreislauf von Steuern und Beiträgen betrachten, sondern auch beispielsweise Pflichtabgaben bei den Lohnnebenkosten – oder Fälle, bei denen von öffentlichen Ämtern Geld eingesammelt wird, über Beamtenschreibtische läuft und wenig davon wieder an die arbeitende Gesellschaft ausbezahlt wird. Ein gutes Beispiel hierfür sind die erst neu eingeführten Gesundheitsfonds. Änderungen machen dort Sinn, wo etwas bewirkt wird und nicht des Populismus wegen.

Was erwarten Sie sich von der Strompolitik des Landes?
Die Ressource Energie muss uns in Südtirol helfen, wettbewerbsfähiger zu werden.

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